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Das Archivale des Monats

Lieber Besucher,

hier stellt Ihnen das Stadtarchiv jeden Monat ein anderes historisches Dokument aus seinen reichhaltigen Beständen vor. Viel Spaß beim Stöbern in der Stadtgeschichte.

Archivale Mai 2018

Exlibris, auch Bucheignerzeichen, Bücherzeichen oder Buchmarken, sind auch in den Beständen und Sammlungen des Stadtarchivs vertreten, nicht eben zahlreich, aber doch mit dem ein- oder anderen interessanten Objekt. Eines davon, das des Historischen Vereins für den Chiemgau aus dem Jahr 1910, wurde bereits im Juni 2017 hier vorgestellt, wobei damals mehr auf den ausführenden Künstler als auf die Besonderheiten und Entstehungsgeschichte dieser Kleingrafiken eingegangen wurde.

Was genau versteht man unter einem „Exlibris“? Lesen wir dazu die Einleitung der Begleitpublikation zur Ausstellung „Große Kunst auf kleinen Blättern“, die im Mai 2012 von der Deutschen Exlibris-Gesellschaft im Kunstraum Klosterkirche gestaltet wurde.

„Der Wunsch des Menschen, sein Eigentum zu kennzeichnen und zu schmücken, ist uralt. Vor der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg wurden Bücher von Schriftgelehrten in mühevoller Handarbeit geschrieben und illustriert. Jedes Buch wurde individuell für seinen zukünftigen Besitzer geschaffen. Sein Name wurde bei der Niederschrift im Text aufgeführt. Mit der Erfindung des Buchdrucks konnten Bücher in wesentlich kürzerer Zeit, preiswerter und in großer Zahl hergestellt werden. Nur mussten jetzt die Bücherfreunde ihren Namen selbst in ihren Büchern vermerken. Und so ließen sie kleine Grafiken gestalten, auf denen ihr Name stand und der Hinweis aus den Büchern des …, im damals gebräuchlichen Latein ex libris … Diese klebten sie auf die Rückseite des vorderen Buchdeckels. Das Exlibris wurde zu einer eigenen Kunstform, und es gibt kaum einen namhaften Künstler, der nicht auch auf diesem Gebiet tätig war. Von Sammlern entdeckt, wurden viele Blätter nicht mehr in Bücher geklebt, sondern allein zum Zweck des Sammelns und Tauschens geschaffen.“

Ein (wieder einmal) Zufallsfund ist das Archivale des Monats Mai. Zu Beginn des Jahres bot die Stadtbücherei dem Archiv einige ausgesonderte Bücher an, darunter, neben einigen sehr schönen alten Ortschroniken, einen Kunstband von Franz Conring: Das deutsche Militär in der Karikatur, Stuttgart 1907. Wie dieser seinen Weg in die Bücherei gefunden hatte – möglicherweise als Schenkung für den regelmäßig stattfindenden Flohmarkt, wo er aber nicht verkauf werden konnte –, war nicht mehr nachzuvollziehen. Der Verfasser dieser Zeilen jedenfalls hatte sich dieses Werk aus „Respekt vor dem Alter“ auf die Seite legen lassen, nicht sicher, ob es tatsächlich Aufnahme in die Bibliothek des Archivs finden würde. Bei näherem Hinsehen allerdings erlebte er eine große Überraschung, und zwar in Gestalt eines Exlibris, heraldisch (= mit einem Wappen) gestaltet und klassisch auf der Rückseite des vorderen Buchdeckels eingeklebt. Als ehemaligen Besitzer dieses Buches nennt es Franz Holzhey. Und dieser Name lässt dieses Exlibris und mit ihm das gesamte Buch zu einem wertvollen Dokument der regionalen Zeitgeschichte werden. Warum – oder: Wer war Franz Holzhey?

Franz Xaver Holzhey, geboren am 1. Juni 1885 in Penzing, Landkreis Landsberg, Berufssoldat in der Bayerischen Armee ab 1903, 1912 als „dienstunbrauchbar“ zunächst entlassen, ab 1914 Freiwilliger im 1. Weltkrieg, verwundet und wegen seiner Tapferkeit mehrfach ausgezeichnet, vom einfachen Mannschaftsdienstgrad zum Hauptmann aufgestiegen, nach 1933 wieder in die Wehrmacht aufgenommen, ab 1940 frontdienstuntauglich, wurde im Februar 1945 von der Heeresentlassungsstelle in München mit sofortiger Wirkung beurlaubt. Aus privaten Gründen hielt sich Holzhey zu dieser Zeit oftmals in Eisenärzt auf, so auch am 3. Mai 1945.

An diesem Morgen rückte die US-Armee von Siegsdorf kommend gegen Eisenärzt vor. Um den Ort vor Zerstörung zu schützen und keine weiteren Menschenleben unnötig zu opfern, stellte Hauptmann Franz Holzhey am Ortseingang eine (auf Anweisung des Bürgermeisters am Vortag gefertigte) Holztafel mit dem Rot-Kreuz-Zeichen auf, das Eisenärzt als Lazarettort ausweisen und die kampflose Übergabe signalisieren sollte. Der zufällig mit einer SS-Einheit in Eisenärzt stationierte Generalleutnant Theodor Tolsdorff (1909 – 1978) ließ Holzhey daraufhin verhaften und unter der falschen Beschuldigung, er hätte eine weiße Fahne gehisst, sofort standrechtlich erschießen. Angesichts der erdrückenden Übermacht der US-Truppen zogen sich der General, der zuvor noch lautstark seine Entschlossenheit kundgetan hatte („Ihr feigen Hunde, hier wird weitergekämpft!“) und seine Einheit anschließend in Richtung Lofer zurück, nicht, ohne zuvor noch die Traunbrücke zu sprengen. Um 14 Uhr wurde Eisenärzt widerstandslos besetzt.

General Tolsdorff geriet wenige Tage später in US-Kriegsgefangenschaft, aus der er 1947 entlassen wurde. Ein Gerichtsverfahren wegen der Hinrichtung in Eisenärzt endete 1960 letztendlich mit einem Freispruch! An das Opfer erinnern heute die von der Hörgeringer Straße in Richtung Kindergarten abzweigende „Hauptmann-Holzhey-Straße“ sowie eine 1995 enthüllte Gedenktafel an der Leichenhalle des Eisenärzter Friedhofes. Die sterblichen Überreste Franz Xaver Holzheys ruhen im Traunsteiner Ehrenfriedhof am Hohen Kreuz.

 

Literatur: Simon Obermayer, Die Befreiung von Eisenärzt. Die letzten Kriegstage und das Ende der Herrschaft der NSDAP, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für den Chiemgau zu Traunstein 19/2007, S. 99–122

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